Once upon a time in Iron City,...

Hier findet der interessierte Besucher mein Online-Tagebuch über meine Zeit in der Stadt, wo sich der Allegheny und Monongahela River zum Ohio River verbinden...

...in Pittsburgh (Pennsylvania).

Samstag, 17. Januar 2009

It still snows

Mit dieser Einleitung möchte ich den Eintrag beginnen: Es schneit, noch immer, immer wieder, mindestens einmal täglich für mehrere Stunden und mindestens 10 cm.
Das ist übrigens mein neues Auto, irgendein Standard-No-Name-Chrysler, mit dessen halben Tank ich nun schon mehr Milen geschafft habe als beim Pick-up mit einem voll gefüllten....trotzdem vermiss ich das Vehikel ;).

So sieht mein Auto mindestens jeden Morgen und jeden Abend aus, total eingeschneit, aber so bekommt man wenigstens etwas Bewegung.
Natürlich ist es in USA erlaubt bzw. gibt es keine Vorschrift, dass man Winterreifen auf seinen genutzten Fahrzeugen haben muss oder wie es in Deutschland formuliert ist: Dem Wetter angepasste Bereifung. So komme ich täglich an mindestens zwei Unfällen vorbei, die offensichtlich durch mangelnden Grip und nicht-angepasste Fahrweise verursacht wurden. Wobei man ganz klar sagen muss, dass die örtlichen Behörden hier alles tun, um dem „bösen“ Winter Herr zu werden, indem Tonnen von Streusalz verwendet werden.
Aufgrund der fehlenden Gehmöglichkeiten laufe ich hier nicht viel mehr als vom Auto ins Büro, vom Büro ins Auto, usw. Obwohl das am Tag höchstens 20 m in freier Natur sind, wechseln meine Schuhe immer die Farbe und werden gespenstisch weiß.
Um eine weitere europäische Kontur verschwinden zu lassen, habe ich mich letzte Woche auch hinreißen lassen, morgendlich meinen Autoschlüssel dem Motel-Manager zu geben, der immer seine Runde dreht, um die Fahrzeuge sämtlicher Gäste zu starten, damit diese warm werden.
Auch beim Einkaufen könnte ich jedesmal einen ganzen Laster voller Autos mitnehmen, da die Einkäufer ihren Motor laufen lassen, während der Wocheneinkauf erledigt wird. Ihr könnt euch also vorstellen, welchen Stellenwert hier das Wort „Benzinverbrauch“ hat – KEINEN.

Zumeist um die Mittagszeit kommt die Sonne raus, dann bei strahlend blauem Himmel, ideales Wetter um sich Ski zu schnappen und die Hügel runter zu brettern. Die Straßen verschmelzen zu dieser Zeit mit den darauf fahrenden Fahrzeugen zu einem weißen Strom aus Salzschattierungen. Jetzt wissen wir auch, warum bei den amerikanischen Autos immer mehr Plastik verwendet wird: Das wird vom Salz nicht so angegriffen wie Metall :).

Meine Wohnungssuche ist hoffentlich an einem erfolgreichen Ende angelangt, wobei ich hier ein Parade-Beispiel für amerikanische Kompetenz zeigen möchte.
Bevor ich das Application-Form für meine Wohnung ausfüllen konnte, musste ich selbstverständlich ein Bankkonto besitzen, damit ich mit Schecks (wer sich fragt, was das ist, die Erklärung kommt später ;)) Gebühren, Kaution, etc. zahlen kann.
Ich gehe also in die ortsansässige PNC Bank, werde dort von einem Mitarbeiter direkt an der Tür abgefangen, der mich nach meinem Begehr fragt und anschließend zum verantwortlichen Account-Manager für Neuanträge führt. Ich nehme hier eine Abkürzung und beschreibe nur die Rohform der nächsten 1,5 Stunden. Mein Gegenüber versuchte verzweifelt mir drei Konten (wofür verstehe ich bis jetzt nicht) über das firmeneigene PC-System einzurichten. Nach mehreren Fehleingaben wurde er von seinem eigenen System gesperrt, weswegen er gezwungen war, „jemanden vom Management“ zu holen.
Diese angeblich dem Management angehörende Dame stellte sich als meine Rettung heraus. Sie fragte mich kurz, was ich denn überhaupt will, schnappte sich meine Unterlagen, löste die Sperre des PC-Programms und 10 Minuten später hatte ich meinen Bank Account. Das Problem bestand schlussendlich nicht darin, dass ich Deutscher war (für ausländische Kunden gab es eine eigene Eingabemaske im Programm, das die notwendigen Angaben wie z.B. Reisepass-Nummer, einforderte), sondern dass mein Account-Manager einfach keine Ahnung hatte, was er eigentlich tut. Wäre es nicht unhöflich, hätte ich aus Neugierde am liebsten gefragt, welche Ausbildung er hat und wie er hinter dem Schreibtisch in dieser Bank gelandet ist.

Ich verließ mit sehr zweifelhaften Gefühlen die Bank, da ich nun einen Account mit drei Bankkonten hatte, deren Verwendungszweck sich mir nicht recht erschlossen hatte. Nicht, dass ich nicht gefragt hätte, die Antwort lautete: Ich darf aus allen dreien Geld ausgeben, Dispo-Kredit bekomme ich infolge meines ausländischen Status nicht, daher kein Überziehen möglich, mit meiner noch zu erhaltenden Bankkarte kann ich jedes Mal entscheiden, aus welchem Konto ich bezahlen will.
Aber das ist auch alles völlig unwichtig, ich kann schließlich alle Bankaktivitäten am hiesigen Drive-Through Schalter erledigen (siehe Bild).


Mit diesen mysteriösen Infos im Kopf bin ich dann zur Hausverwaltung meiner hoffentlich zukünftigen Wohnung gefahren. Ich schreibe „hoffentlich zukünftig“ da es hier ähnlich um die Kompetenzverteilung bestellt ist. Ich wurde am Eingang von einem menschlichen Türöffner empfangen, der mich zum Büro des ersten, ich nenne ihn Room-Manager führt, der mich nach dem üblichen "How you're doing" zum nächsten Büro führt, in der eine Dame (ein Application-Manager) sitzt, die meine Bewerbungs-Unterlagen einsammelt und dann final an das Management (hey, wo bin ich hier dann bitte?) schickt, das dann entscheidet, ob ich die Wohnung bekomme oder nicht. Nach dem Ausfüllen der Bewerbung sowie meiner ersten Schecks (hier brauchte ich Hilfe, weil ich mich nicht daran erinnern kann, in Deutschland jemals einen Scheck ausgefüllt zu haben) für Fees und Kaution (obwohl ich die Wohnung noch gar nicht zugeteilt bekommen habe!), verließ ich in noch schlechterer Stimmung das Gebäude.

Zusammengefasst ging es mir nach diesem Tag wie folgt: Ich habe viele Entscheidungen getroffen, die meinen weiteren Aufenthalt maßgeblich beeinflussen werden, konnte aber absolut nicht sagen, ob es gute Entscheidungen waren, ob sie richtig waren oder ob ich nächste Woche mein erstes Gerichtsverfahren einleiten muss, um mein Scheck-Geld wiederzubekommen.
Ach ja, für alle Siemens-Fans: Der Laden ist hier ziemlich unbekannt, nicht mal nach erfolgreichem Buchstabieren (die meisten schreiben es „Simons“) kennen die Meisten meinen Arbeitgeber. So hilft mir leider auch der vielfach gepriesene internationale Siemens-Bekanntheitsgrad nicht, meine Kreditwürdigkeit und Verdienstsicherheit gegenüber Bank und Hausverwaltung zu untermauern.

Ein kurzer Satz noch zur Arbeit: Ich habe am Freitag endlich meinen PC sogar mit funktionierendem Login erhalten, so dass nächste Woche endlich mehr als nur Präsentieren und Zeigen möglich ist.
Meinen SAP-Account erwarte ich so im April, wenn alles gut geht ;).

Ich hatte auch die üblichen Infogespräche seitens Qualität und Sicherheit sowie eine Art Einstellungsgespräch mit der Personalabteilung.
Über das möchte ich doch noch kurz berichten. Irgendwann die Tage, hat ein deutscher Kollege mir gesagt, dass wir froh sein können, wenn wir unseren deutschen Arbeitsvertrag behalten. Jetzt kann ich das aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich darf hier echt keinem sagen, wie es um meine soziale Absicherung, meinen Urlaub sowie Kündigungsschutz steht, denn das würde das "deutsche Bild" schwer beschädigen und mich isolieren.
Ich liste euch mal kurz auf, wo wir als "Stammhausinformanden" im amerikanischen System stehen würden:
- 10 Tage Urlaub (Steigerung bis 20 möglich, je nach Dauer der Firmenzugehörigkeit, Maximum nach 18 Jahren erreicht)
- bei Krankheit wird zuerst der Urlaub reduziert, heißt, pro Tag Krankheit kommt ein Tag Urlaub weg. Ist der Jahresurlaub aufgebraucht, wird stufenweise über 4-6 Wochen das Gehalt reduziert bis schließlich auf Null.
- bei krankheitsbedingten Behandlungen durch Ärzte übernimmt Siemens einen Teil der Kosten, was auch wieder von vielen Faktoren abhängig ist. Gezahlt werden muss das ganze aber zuerst durch den Arbeitnehmer, der danach die Zuzahlung seitens des Arbeitgebers beantragen muss.
- aus Gehaltssicht dürfte es ungefähr ähnlich sein, wenn man unsere fundierte Ausbildung samt Erfahrung betrachtet. Rein aus Alterssicht aber dürften wir nur die Hälfte verdienen, siehe oben meine Beispiele zur Kompetenz vieler Angestellter, die nur das wissen, was ihnen gezeigt wurde
- Kündigungen sind bekanntlich kurzfristig möglich, je nach Unternehmen eigene Regelungen über die Kündigungsfrist, die auch von der Firmenzugehörigkeit abhängt.

Das mal als kleine Abhandlung, diese Regelungen sind nach Info von HR im Branchenvergleich überdurchschnittlich GUT!
Da hier Gesetze und Regelungen von Stadt zu Stadt und Bundesstaat zu Bundesstaat variieren, muss das nicht allgemeingültig sein, aber ich kann nur betonen: Schätzt euch glücklich, die ihr in Deutschland unter Vertrag steht!

Aber Hauptsache ist, dass folgendes Bild an jedem, wirklich jedem Schreibtisch liegt oder hängt, neben oder zwischen den Familienbildern, Sportflaggen oder Urkunden:

In diesem Sinne, cya :)

2 Kommentare:

Veritas hat gesagt…

Ja, mmh Fuck würd ich mal sagen :)

Gegen Schnee ist ja schon mal überhaupt nichts einzuwenden, wenn dus mal mit den lokalen Mischmasch aus +-0°C vergleichst.

Naja drei Bankkonten sind doch letztendlich esentiell, überleg dir nur mal was passiert wenn die Bank überfallen wird? Oder die Bank sich kurzfristig entschliesst in Lehman Brothers zu investieren, dabei aber, aus versehen, nur eins deiner Konten plündert? Dann hast du immer noch 2 :). In dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten würde ich mich auch absichern.
Aber das mit deinen Auto klingt doch interessant, ich warte immer noch auf den Honk vom PlantSecurity der mein Auto kurz vor fünf warmfährt :).
Wo kriegste die Karren eigentlich immer her?
Soll heissen du bist jetzt via Mail erreichbar? Wenn das nicht mehr die gleiche @siemens.com ist lass mir mal die Neue zukommen.
Bitte wozu SAP, wird doch ohnehin vollkommen überschätzt.
Hab heut erst wieder was in Pittsburgh bestellt, wenn de was ohne lästige Fragen importieren möchtest kann dir gerne mal meinen Ansprechpartner geben:).
Naja wie wärs wenn de ne Gewerkschaft gründest? Reiß das Ruder an dich und steuere Pittsburgh in eine strahlende Zukunft voller motivierter Arbeiter. Vielleicht bekomm ich dann auch mal meine fucking Boards, welche aufgrund von "Keinen Bock heut was zu machen" Seit Wochen in irgendeinen Lager da rumgammeln.
Lass ma was von dir hören, bis die Tage...

Corinna hat gesagt…

Servus!!!
ja deine Wintergeschichten und die restlichen Abteneuer im Land der unbegrenzten Möglichkeiten lesen sich richtig gut!
Mach dir nix drauss, ich bin ja auch schon ne ganze weile da und habe weder siemens email, noch account noch SAP. aber mit SICHERHEIT ;-) klappts diese Woche. naja, diese Woche scheint mir schon bisschen lang zu sein. Südamerika sag ich nur.

ich schick dir mal ein paar Sonnenstrahlen und Wärme weil hier hats um die 35-38 grad, da kann ich was abgeben!

Lieben Gruss aus Buenos Aires!
Corinna